Jeep Wrangler «Brute»

Wrangler Brute: Armageddon-Jeep im Test

Ein Jeep Wrangler ist ein harter Geselle für richtig grobes Gelände. Tuner Brute macht diesem Zweck den Garaus und baut ein Gefährt, das Fragen hinterlässt.

Veröffentlicht am 21.10.2023

Es gibt wenig, was dermassen «Abenteuer und Verwegenheit» schreit wie ein Jeep Wrangler. Doch es soll Leute geben, denen diese Steroid-packung auf Rädern noch immer zu sehr nach Schrebergartensiedlung riecht. Für all jene hält Brute eine Lösung bereit und fährt mit dem «Richmond» noch einen Schuss mehr Apokalypse auf. Zumindest im Hinblick auf den Auftritt.

Halten Sie Ihr Ego fest

Neue Schürzen gehören noch zu den subtileren Modifikationen. Richtig wild wird es mit den Felgen samt monströser Mickey-Thomp-son-Baja-Bereifung. Die grobstolligen Gummis füllen die Radhäuser vollständig aus und ragen beinahe seitlich darüber hinaus. Zusammen mit der mattbronzenen Lackierung sieht das Gefährt stark nach militärischem Einsatzfahrzeug aus und macht dem Firmennamen alle Ehre, der rundum die Jeep-Schriftzüge ersetzt. Wer hier einsteigt, muss über eine gefestigte Persönlichkeit verfügen und sich auf unzählige Blicke gefasst machen.

Die grosse Überraschung wartet im Innenraum. Den hat Brute mit Zierteilen in Wagenfarbe, Karbon- und Metallteilen sowie Massen an Leder verfeinert. Auf Sitzen und in den Türen finden sich schön vernähte Tierhäute. Ob es für einen Offroader nun wirklich empfindliches Weiss sein muss, sei mal dahingestellt. Die Qualität des Leders jedenfalls passt genauso wie die der Mikrofaserbezüge in den Türen.


Das Cockpit sieht schick aus, zeigt im Detail aber einige Verarbeitungsschwächen.

Leider lässt sich das von manch anderen Modifikationen nicht unbedingt sagen. Die Metallkappen auf Untersetzungs- und Gangwahlhebel fassen sich zwar gut an, liessen sich aber einfach abnehmen. Auch die Karbonverkleidung auf dem Beifahrer-­Haltegriff begann sich zu lösen. Jene in der Beifahrertürschwelle fiel während des Tests sogar ganz ab. Möglich, dass das Testfahrzeug hart rangenommen wird. Mit nur rund 1000 Kilometern Laufleistung darf so etwas trotzdem nicht passieren.

Mit dem Brute ist man King

Den viertürigen Wrangler bekommen wir hierzulande nur noch als Plug-in-Hybrid. Die Lautstärke des Vierzylinders potenziert Brute mit einem Klappenauspuff. Der tönt zwar laut, aber mehr nach Hyundai i30 N als nach US-Car. Dem Sound fehlt es an Volumen, was nicht zum Wrangler passt. Nennen Sie uns ewig gestrig, aber in so ein Auto gehört ein V8. Dafür passt der Vortrieb. Die 279 kW/380 PS Systemleistung schieben den 2,4-Tonner kräftig an. In diesem Teil ist man einfach King. Enorm breit, enorm fies und man blickt auf alles und jeden hinab und meint, über alles einfach drüberwalzen zu können.

Der Brute ist eine mächtige und einschüchternde Erscheinung.

Was im Zweifel auch nötig ist, denn die Rundumsicht aus den schiessschartenartigen Scheiben ist miserabel. Das bringt der Wrangler aber schon von Haus aus mit. Genauso wie das für so ein grosses Auto erstaunlich schlechte Raumangebot.

Unpassende Reifenwahl

Ständig zu spüren sind Fahrtwind und Reifen. Einerseits wegen der enorm hohen Wind- und Abrollgeräusche – bei 120 km/h wird es im Inneren richtig laut. Andererseits wegen der hohen Fahrwiderstände. Beim Gaswegnehmen bremsen sie das Ungetüm stark ein und einem niedrigen Kraftstoffverbrauch sind sie ebenfalls nicht zuträglich. Überhaupt muss die Pneuwahl überdacht werden. Erstens bewirkt deren grosser Abrollumfang eine beachtliche Tachoabweichung nach unten, zweitens ist der Geradeauslauf gleich null. Man muss ständig am Lenkrad, das Richtungswechsel nur verzögert umsetzt, korrigieren.

Zwischen Reifen und Radhaus bleibt eingefedert kaum Luft. Die Gummis sind ohne Höherlegung einfach zu gross.

Aber was schert einen schon der Alltag, das Teil gehört doch ins Gelände? Prinzipiell schon, aber auch hier erweisen sich die Reifen als Hindernis. Durch ihre Grösse schleifen sie schon bei geringstem Einfedern im Radhaus und erlauben kaum Verschränkung. Selbst bei vollem Lenk­einschlag in der Ebene gibt es Kontakt. Ausgerechnet die wohl fähigsten aller Offroad-reifen erweisen sich als Hindernis im Gelände und rauben dem Wrangler seinen eigentlichen Einsatzzweck. Die Lösung wäre eine Höherlegung. Oder man montiert kleinere Pneus und nimmt dafür weniger Arnie-Style und Blicke in Kauf.

Fazit von Moritz Doka
Der Brute taugt für den richtig grossen Auftritt, aber weder als Offroader noch für die Langstrecke. Für beides verantwortlich: die Reifen. So bleibt es unklar, was man mit diesem Gerät wirklich soll, zumal der Preis gesalzen ist.

Technische Daten Jeep Wrangler 4xe Overland Powertop «Brute Richmond»

  • Antrieb: Plug-in-Hybrid, R4-Turbo-Benziner + Elektromotor
  • Hubraum: 1995 cm3
  • Systemleistung: 280 kW/380 PS
  • Systemdrehmoment: 500 Nm
  • Getriebe: 8-Gang-Automatik
  • Antrieb: Allrad
  • 0–100 km/h: 6,4 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
  • Verbrauch (WLTP): 3,5 l/100 km
  • Testverbrauch: 12,4 l/100 km, 4,7 kWh/100 km
  • Akkukapazität: 17,3 kWh
  • Abmessungen L/B/H: 4882/1894/1828 mm
  • Radstand: 3008 mm
  • Leergewicht: 2348 kg
  • Kofferraumvolumen: 548 l
  • Anhängelast (gebr.): 1587 kg
  • Reifen: 35 × 12,5 R20 LT
  • Preis: ab 97'900 Franken (Serie)
  • Umbau: 66'000 Franken

Text: Moritz Doka
Bilder: Markus Kunz, auto-illustrierte

<< Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren: